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Andacht von Rudolf Gerhardt

Die schöne alte Zeit!

„Frag nicht, warum früher alles besser war, denn damit verrätst du nur, dass du keine Weisheit besitzt.“
Prediger 7,10 (Übers. Neues Leben)

Doch, es ist etwas dran, dass man im Alter schneller und auch länger über die Schulter des Lebens in das Vergangene blickt. Ich jedenfalls erinnere mich sehr gerne an die 50-er Jahre zurück – obwohl ich erst 1951 geboren wurde, sind mir viele Begebenheiten ganz klar in Erinnerung. Und bei meinen Besuchen bei euch, ging es vielen ebenfalls um die vergangenen Zeiten – Erinnerungen an Menschen, Wegstrecken und Erlebnissen. Alles schien irgendwie besser gewesen zu sein – auch wenn wir wissen, dass der Blick zurück, eher an dem Positiven hängenbleibt und manchmal unbewusst, dass weniger Schöne gerne ausblendet.

Seht, wir leben in einem ständigen Prozess der Veränderung. Gesellschaftlich, gemeindlich aber auch persönlich. Nicht jeder bringt das die nötige Flexibilität mit. Und ich kannte einen Christen, (er ist bereits heimgegangen) der innständig auf die Wiederkunft Jesu wartete, damit er nicht länger unter dem Zerfall der Gegenwart, wie er sagte, leiden müsse. Aber wird sich die Wiederkunft Jesu an diesen Dingen ausrichten oder abhängig machen? Auch wenn es Zeichen der Endzeit gibt, müssen wir vorsichtig sein, uns von eigenen Wünschen und Befindlichkeiten leiten zu lassen.

Ich las einmal folgende Aussage und ich zitiere sie:

„Es hat wenig Sinn, die Zeichen der Zeit darauf zu deuten, ob der Untergang der Welt bevorsteht. Ob die Wirtschaft boomt oder nicht, ob Naturkatastrophen sich häufen oder nicht, ob wir meinen, die Apokalypse kommen zu sehen oder nicht – daran wird sich Gottes Tag nicht ausrichten!

Die Zeichen der Zeit zu lesen hat Sinn, um zu erkennen was an der Zeit ist, was es zu tun gilt. Es hat Sinn, damit Gottes Wort nicht als tote, zeitlose Wahrheit, sondern als konkreter Ruf gehört wird.

Aber die Zeichen der Zeit zu lesen, in der Hoffnung oder Befürchtung, daraus in Erfahrung zu bringen, wie lange die Erde es noch macht und wann Christus wiederkommt, darauf hat die Bibel keinen Segen gelegt!“ Zitat Ende

Lieber Geschwister, ich will jetzt nicht alles hochkochen oder dramatisieren, aber ich möchte mit euch einmal darüber nachdenken, wovon sich die damaligen und heutigen Zeiten unterscheiden. Sicher gibt es noch viel mehr Schnittmengen als diese, die ich jetzt nennen möchte. Zudem recke ich nicht den frommen Zeigefinger in die Höhe.

Ein wichtiges Kriterium ist sicher, dass gerade in den 50-er Jahren, diese besondere Zeitspanne nach dem Krieg und der Währungsreform, eine größere soziale Gleichheit in der Bevölkerung vorhanden war. Und diese Gleichheit oder Gleichstellung, vermittelte auch mehr soziale Einheit als heute. Es gab zudem festere Strukturen in der Gesellschaft, während sie  heute vermehrt austauschbar oder sogar überhaupt nicht mehr vorhanden sind. Strukturen, auf die sich die Menschen verlassen konnten und die ihnen Schutz und Rahmen boten. Eben eine gewisse Sicherheit. Denken wir an die berufliche Situation: Es war fast normal, dass damals nach der Lehre, der Auszubildende für viele Jahre in der Firma blieb. Einige sind sogar bis zu ihrem Renteneintritt in der gleichen Firma geblieben. Zumindest blieben die meisten aber dem erlernten Beruf bis zu ihrem Renteneintritt treu.

Und heute: Flexibilität und Mobilität ist gefragt; Arbeitsverträge, die zeitgebunden sind und immer wieder erneuert werden … oder auch irgendwann nicht mehr. Leiharbeiter, die unter Firmen hin und her verschoben werden. Jungen Familien fehlt dadurch die Gewissheit einer längeren Sicherung. Denken wir z.B. an den Bau eines Eigenheims, wo eine längere berufliche Sicherheit von Nöten ist. Früher war der Beruf weitaus sicherer als das heute der Fall ist, und die jungen Familien konnten viel weiter auch im Blick auf ihre Zukunft hin planen.

Die sozialen Kontakte der Nachbarschaft haben sich im Lauf der Jahre verändert und der damit verbundene Gleichklang und das so wichtige verbale Miteinander fehlen oft. Das Schwätzchen über den Gartenzaun funktioniert meist nur noch bei den Älteren im dörflichen Bereich – aber bereits in etwas größeren Orten ist das längst weggebrochen. Ortskerne dünnen aus, veralten und verändern sich nachhaltig. Die Zeit dreht sich immer schneller – die Angebote fürs Leben werden immer vielfältiger und sind kaum noch überschaubar und manchmal auch nicht mehr beherrschbar. Zudem werden vermehrt ältere Menschen technisch abgehängt. Sicher wollen wir nicht übersehen, dass die „Kontakte“ heute fast ausschließlich über die sozialen Netzwerke – aber eben ohne verbalen Austausch geschehen.

Und im Blick auf den Glauben? Nicht nur geografisch, war die Kirche früher der Mittelpunkt des Dorfes. Aber anders als heute: Das „Dorf“ war sonntags auch in der Kirche! Man wusste, wo man hingehörte und der Glaube wurde nicht ständig hinterfragt – es gab Ordnungen, die anerkannt wurden und dadurch auch Stabilität gaben.

Auch wenn das alles nichts über den persönlichen Glauben aussagte, waren doch eine allgemeine Frömmigkeit und eine gewisse Gottesfurcht vorhanden. Und das gab dem Einzelnen Stabilität und Richtung. Sicher – auch hier wollen wir geistliche Missstände, die damals schon im gemeindlichen und privaten auch vorhanden waren, nicht schönreden. Was resultierte daraus?

Liebe Geschwister, die Frage nach der eigenen Identität wurde damals viel seltener gestellt als heute, während sich heute viele um sich selbst drehen und vermehrt die Frage nach der eigenen Identität stellen. Auch früher gab es Fragen – wie zu allen Zeiten auch – und das ist ja auch gut so. Der Mensch wird immer ein Fragender bleiben – begründen sich darin doch auch seine Identität, seine Würde und seine Bestimmung als Mensch. Aber die Fragen, die früher beantwortet wurden, hatten einen „längeren Atem“, will heißen, ihre Gültigkeit hatte einen weit längeren Bestand. Heute ist alles sehr schnell austauschbar.

So – und in diesen Prozess ist auch die Gemeinde Jesu eingebunden – lebt sie ihren Glauben auf diesem alten und doch ewig bestehenden Fundament göttlicher Ordnungen und Verheißungen. Und genau hier wird sich ihre Stärke zeigen und entwickeln – nicht in der Vielfältigkeit der Anpassung, sondern dem Gebunden- und Verpflichtet sein an die göttlichen Aussagen der Schrift. Und wir Älteren tun gut daran, Flexibilität und Neuausrichtung mitzutragen und den Austausch mit den jungen Leuten nicht abbrechen zu lassen. Und die Jüngeren tun gut daran, nicht jeden „alten Zopf“‘ als überholt abzuschneiden und sie durch modere, aber manchmal auch biblisch fragwürdige Praktiken abzulösen oder auszutauschen. 

Ich komme zum Schluss noch einmal auf die salomonische Aussage zurück:

„Frag nicht, warum früher alles besser war, denn damit verrätst du nur, dass du keine Weisheit besitzt.“

Salomo betont, dass es nicht ein Ausdruck von Weisheit ist, nur in der rosaroten Vergangenheit und den starren „Es-war-immer-so-Formen“ hängenzubleiben. Seht – unsere Vergangenheit als Einzelne, als Gesellschaft, aber auch als Gemeinde, gehört zum Kontext unseres Lebens und unserer Geschichte. Aber wir dürfen darüber hinaus nicht die realistische Sicht für unsere Gegenwart vernachlässigen oder sogar verlieren – denn hier liegt unsere jetzige Verantwortung in Nachfolge und Zeugnis für unseren HERRN.

Gott segne euch.

Rudolf